Warum sind Jeans blau und nicht andersfarbig?
Luigi ZucchinoShare
Von den ältesten Färbemethoden der Menschheit bis zum modernen Denim
Wenn wir an eine Jeans denken, stellen wir sie uns fast immer blau vor.
Heute gibt es Jeans in Schwarz, Grau, Weiß und vielen anderen Farben. Trotzdem bleibt Blau in unserer Vorstellung untrennbar mit diesem Kleidungsstück verbunden.
Der Grund dafür ist nicht nur eine modische Tradition. Er liegt in der besonderen Konstruktion des Denimstoffes und vor allem in den Eigenschaften eines außergewöhnlichen Farbstoffs: Indigo.
Indigo färbt den Stoff nicht einfach nur blau. Der Farbstoff lagert sich hauptsächlich an den äußeren Schichten des Garns ab und nutzt sich mit der Zeit langsam ab.
Genau dadurch entstehen die typischen Aufhellungen, Farbverläufe und Gebrauchsspuren, die jede Jeans einzigartig machen.
Ein Farbstoff mit einer mindestens 6.000 Jahre alten Geschichte
Indigo gehört zu den ältesten nachgewiesenen Textilfarbstoffen der Menschheit.
In Baumwollstoffen aus der archäologischen Fundstätte Huaca Prieta an der Nordküste Perus wurden Spuren von Indigotin entdeckt, die ungefähr 6.000 Jahre alt sind. Sie gelten als einer der ältesten bekannten Nachweise für die Verwendung von Indigo zur Färbung von Textilien.
Im Laufe der Geschichte wurde der blaue Farbstoff in verschiedenen Teilen der Welt aus unterschiedlichen Pflanzen gewonnen.
Zu den bekanntesten gehören Pflanzen der Gattung Indigofera. In Europa wurde unter anderem Färberwaid, botanisch Isatis tinctoria, verwendet.
Das Überraschende daran ist: Indigo kann in seiner blauen Form nicht einfach in Wasser aufgelöst und auf Baumwolle aufgetragen werden.
Blaues Indigo ist nicht wasserlöslich.
Das Blau entsteht an der Luft
Damit Baumwolle mit Indigo gefärbt werden kann, muss der Farbstoff zunächst chemisch in eine lösliche Form umgewandelt werden. Diese Form wird Leukoindigo genannt.
Während dieses Vorgangs kann das Garn zunächst blass, gelblich oder grünlich erscheinen.
Erst wenn es aus dem Färbebad genommen wird und mit dem Sauerstoff der Luft in Kontakt kommt, beginnt die entscheidende Veränderung.
Das Leukoindigo oxidiert, wird wieder unlöslich und nimmt seine charakteristische blaue Farbe an.
Das Garn wird also nicht unmittelbar im Färbebad blau. Das Blau entsteht erst an der Luft.
Bei der traditionellen Denimfärbung wird dieser Vorgang mehrfach wiederholt. Das Garn wird eingetaucht, herausgezogen, oxidiert und anschließend erneut in das Färbebad gegeben.
Mit jedem Durchgang lagert sich eine weitere dünne Farbschicht auf dem Garn ab. Dadurch wird das Blau zunehmend intensiver.
Warum eignet sich Indigo so gut für Jeans?
Bei Denim konzentriert sich das Indigo hauptsächlich auf die äußeren Bereiche des Garns.
Der Kern des Fadens kann weiß oder zumindest deutlich heller bleiben. In der Textilindustrie wird dieser Effekt als Ringfärbung oder „Ring Dyeing“ bezeichnet, weil der Farbstoff eine Art farbigen Ring um den helleren Garnkern bildet.
Beim Tragen, Waschen und Reiben der Jeans nutzt sich ein kleiner Teil dieser äußeren Farbschicht ab.
An den Stellen, die besonders stark beansprucht werden, kommt der helle Kern des Garns allmählich zum Vorschein.
So entstehen die typischen Aufhellungen an den Oberschenkeln, an den Knien, entlang der Nähte und im Bereich der Taschen.
Diese Veränderungen sind kein zufälliger Fehler des Stoffes. Sie sind eine direkte Folge der besonderen Indigo-Färbung.
Zwei ursprünglich identische Jeans können deshalb bereits nach einigen Monaten vollkommen unterschiedlich aussehen.
Denim ist nicht vollständig blau
Beim klassischen Denim werden normalerweise nur die Kettfäden mit Indigo gefärbt.
Die Kettfäden verlaufen in Längsrichtung durch den Stoff. Die quer verlaufenden Schussfäden bleiben dagegen meist ungefärbt und deshalb weiß oder sehr hell.
Durch die typische Köperbindung des Denimstoffes sind auf der Außenseite überwiegend die blauen Kettfäden sichtbar.
Auf der Innenseite treten dagegen die hellen Schussfäden stärker hervor.
Deshalb ist eine klassische Jeans außen blau und innen deutlich heller.
Wenn der Stoff mit der Zeit dünner wird oder sich abnutzt, wird dieser Kontrast noch sichtbarer. Kleine weiße Fäden treten hervor und erzeugen den typischen gebrauchten Charakter einer Jeans.
Das Erscheinungsbild des Denim entsteht somit durch das Zusammenspiel zweier Farben: dem Blau der Kettfäden und dem Weiß der Schussfäden.
Eine Farbe, die unser Leben festhält
Indigo sorgt nicht nur dafür, dass Jeans blau sind.
Es ermöglicht ihnen auch, sich gemeinsam mit der Person zu verändern, die sie trägt.
Hinter den Knien entstehen Linien durch die wiederholte Bewegung des Beins. An den Oberschenkeln wird der Stoff durch Reibung heller. Eine Tasche kann mit der Zeit sogar die Konturen eines Smartphones oder einer Geldbörse zeigen.
Auch am Saum, an den Nähten und im Bereich der Sitzfläche verliert der Stoff unterschiedlich schnell seine Farbe.
Diese Veränderungen hängen nicht nur vom Alter der Jeans ab.
Sie hängen vom Körper, von der Arbeit, von den Bewegungen und von den Gewohnheiten der Person ab, die sie trägt.
Eine häufig getragene Jeans wird dadurch immer persönlicher.
Ihre Farbe wird zu einer Art Tagebuch, das nicht mit Worten, sondern mit Falten, Abrieb und Farbveränderungen geschrieben wird.
Vom natürlichen zum synthetischen Indigo
Über viele Jahrhunderte wurde Indigo ausschließlich aus Pflanzen gewonnen.
Die Herstellung erforderte den Anbau großer Mengen pflanzlichen Materials sowie aufwendige Prozesse zur Gewinnung und Verarbeitung des Farbstoffs.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es Chemikern, Indigo synthetisch herzustellen.
Adolf von Baeyer entwickelte 1878 eine erfolgreiche Synthese des Farbstoffs. In den folgenden Jahren entstanden Verfahren, die eine industrielle Produktion ermöglichten.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann synthetisches Indigo, das natürliche Indigo zunehmend zu ersetzen.
Der Farbstoff konnte nun in großen Mengen, mit gleichbleibender Qualität und zu niedrigeren Kosten hergestellt werden.
Diese Entwicklung trug wesentlich zur weltweiten Verbreitung von Denim und blauen Jeans bei.
Heute wird der größte Teil der industriell hergestellten Jeans mit synthetischem Indigo gefärbt. Natürliches Indigo wird weiterhin bei bestimmten handwerklichen, traditionellen oder besonders hochwertigen Produktionen eingesetzt.
Die ökologische Herausforderung der Denimfärbung
Die konventionelle Indigofärbung benötigt Wasser, Energie, alkalische Substanzen und Reduktionsmittel.
Auch die wiederholten Färbe- und Waschvorgänge beeinflussen die Umweltbilanz der Jeansproduktion.
Deshalb arbeitet die Textilindustrie an neuen Verfahren, die den Verbrauch von Wasser, Energie und Chemikalien verringern sollen.
Erforscht und eingesetzt werden beispielsweise elektrochemische Verfahren, biochemische Prozesse, konzentriertere Färbebäder und Methoden, mit denen der Farbstoff effizienter auf dem Garn verteilt werden kann.
Es gibt nicht eine einzige Lösung, die für jede Fabrik und jede Denimqualität geeignet ist.
Die Richtung ist jedoch eindeutig: Die besonderen Eigenschaften des Indigo sollen erhalten bleiben, während gleichzeitig die Auswirkungen der Produktion reduziert werden.
Warum sind Jeans also blau?
Jeans sind blau, weil klassischer Denim aus Kettfäden hergestellt wird, die mit Indigo gefärbt sind.
Doch die eigentliche Besonderheit liegt nicht nur in der Farbe selbst.
Indigo bleibt hauptsächlich an der Oberfläche des Garns und nutzt sich langsam ab. Dadurch bleibt eine Jeans nicht so, wie sie am Tag des Kaufs aussah.
Sie verändert sich, zeigt die Bewegungen des Körpers und bewahrt die Spuren ihrer Nutzung.
Würde der Farbstoff vollständig, gleichmäßig und dauerhaft in den Faden eindringen, würde die Jeans einen großen Teil ihres besonderen Charakters verlieren.
Ihr Reiz entsteht gerade aus dieser scheinbaren Unvollkommenheit.
Jeden Tag verliert eine Jeans einen winzigen Teil ihres Blaus. Und genau während sie langsam heller wird, wird sie immer persönlicher.
Vielleicht liegt das wahre Geheimnis der Jeans deshalb nicht in der Farbe, die sie besitzt, wenn sie neu ist.
Sondern in der Geschichte, die diese Farbe im Laufe der Zeit erzählt.